Dem Feinstaub auf der Spur – Citizen Science zur Luftqualität

Auch in Deutschland leiden Großstadtmenschen besonders unter schlechten Luftverhältnissen. Eine Ursache dafür ist Feinstaub. Das Citizen Science Projekt Luftdaten.info will die Belastung monitoren – mit Hilfe der Bevölkerung und selbstgebauten Messgeräten. Ein Kurzbericht vom 33c3 Feinstaub-Sensorbau-Workshop des Projektes.

Frank Riedel vom Shackspace – dem Stuttgarter Hackspace  – und Mitstreiter bei Open Data Stuttgart brennt für das Sensorenprojekt Luftdaten.info, das merkt man sofort. Er schwingt die Arme in die Höhe und verkündet im schönsten schwäbischen Dialekt, es gehe jetzt los. Wir sind auf dem #33c3 – Caos Communication Congress in Hamburg. Um uns herum tobt der Trubel der selbstorganisierten Workshopzone. Überall wird geschraubt, programmiert, Folien und Schemata werden an die Wänd oder die Glastüren projeziert, es wird diskutiert und erklärt.

Am langen Tisch haben sich 15 Mitstreiter zusammengefunden. Ganz normale Menschen – am elektronischen Basteln Interessierte, Computer- und Open Data-Fans, Lehrer_innen und an Umweltdaten Interessierte. Für die nächsten 30 Minuten wollen sie jeweils ein funktionsfähiges Messinstrument für Feinstaub aus den Einzelteilen zusammenbauen. Fast genauso viele Interessierte stehen drumherum.

Bausatz DIY Feinstaubsensor Messgerät
Details auf den Bausatz des DIY Feinstaubsensor Messgeräts von Luftdaten.info Foto: cc by iwess

Im montierten Endzustand scheint das Messinstrument recht unspektakulär: ein gekrümmtes Abflussrohrstück, ein Stromkabel führt heraus. Im Inneren ist die Elektronik versteckt. Die gilt es heute sachgerecht zu verbinden. Der fertige „Feinstaub-Messer“ soll dann zu Hause auf dem Balkon oder an der Hauswand die Belastung in der Luft messen. Die Daten werden via heimischem Wlan-Zugang direkt ins Internet gesendet und bilden gemeinsam mit anderen Sensoren eine Karte, die sich ständig, innerhalb weniger Minuten, aktualisiert. Die Daten bleiben erhalten und können weiter ausgewertet werden – Von allen für alle – Open Source, freies Wissen. Einen Git-Hub Account für die technische Dokumentation gibt es auch.

Feinstaub-Daten-Waben bis Costa Rica

Global Lokale Messwerte der Feinstaubs - Screenshot der Luftdaten.info Map
Global Lokale Messwerte des Feinstaubs – Screenshot der Luftdaten.info Map

Es gibt schon einige Messpunkte und es sollen mehr werden in Stuttgart, aber auch anderswo. Am besten deutschlandweit, flächendeckend, sagt Frank. Weltweit, das gehe natürlich auch, der digitalen Karte sei das egal, sagt er. In Costa Rica gäbe es zum Beispiel bereits einen Messpunkt, verrät er und lacht verschmitzt. Auf der Karte unter www.luftdaten.info ist das Raster der Sensoren ca. 600 Meter groß – Anonymität ist den Projektmachern wichtig. Diese Genauigkeit ist völlig ausreichend, so Frank.

Trick 17 für den Sensorbau

Und dann geht es los: Hier der Chip für das WLAN, hier der Sensor, Kabel anstöpseln, Kabelbinder drum. So rum? Nein! Trick17: anders herum, sonst passt es nicht ins Rohr. Frank korrigiert, erklärt, zeigt und erzählt zu den Hintergründe des Projektes. Die Teilnehmer helfen sich gegenseitig. Es entstehen kleine Einzeldiskussionen.

365 Tage hat das Jahr

Entstanden ist die Idee in Stuttgart aus Leidensdruck und durch engagierte Tüftler, Coder und Makerer. Sie haben sich zusammengetan und das Projekt im Open Knowledge Lab – OKLab – Stuttgart ausgearbeitet. Die Stadt Stuttgart hat wegen ihrer ungünstigen Lage in einem geologischen Kesselt häufig schlechte Luftverhältnisse. Das bestätigen auch die offiziellen Messpunkte. Kein Wind bringt frische Luft in Tal. Lokal ist die Belastung sehr unterschiedlich, denn die Häuser und Straßen ziehen sich durch mehrere Höhen und Senken – Feinstaub und Stickstoff sind die größten Probleme.  An 63 Tagen von erlaubten 35 Tagen wurde 2016 der Höchstwert überschritten. Um die Politik und auch die Bevölkerung aufzurütteln und die Brennpunkte und täglichen Schwankungen flächendecken vor Ort noch besser sichtbar zu machen, soll das alternative Sensorennetz zukünftig die ganze Stadt abdecken – Es wächst gerade. Gleichzeitig ist es ein Projekt von Bürgern für Bürger – Citizen Science. Es sensiblisiert vielleicht auch, denn die Stuttgarter ignorieren schon mal den Feinstaubalarm des Umweltbundesamtes und das Fahrverbot. Ein flächendeckendes Sensornetz, würde die Belastung direkt vor der Haustür zeigen. Auch in anderen Städten bauen Bürger mittlerweile Feinstaubsensoren: in München, in Hamburg oder in Berlin.

Live-Daten vom feinen Staub im Internet

Dann passt alles. Auch das letzte Set ist zusammen gebaut. Wenn die Teilnehmer zu Hause sind verstauen sie diese Elektronikpakete regensicher im Abflussrohr. Noch eine Halterung ran, die Öffnung nach unten, versteht sich, sonst regnet es rein. Stromversorgung anschließen und fertig. Fertig?

Und wie kommen die Daten ins Internet?
Indem der Wlan-Chip eine neue Software bekommt, erklärt Frank und es müssen ein paar Adress-Daten eingetragen werden. Welche und wo man sie einträgt, das zeigt er direkt gleich am Beispiel.
Die Software haben die Stuttgarter_innen im OK Lab so programmiert, das sich der Sensor beim ersten Anschluss selbst auf der Karte verortet, dann misst er alle zwei Minuten, wie ein digitaler Wetterfrosch für Staub. Im Internet ist aber alles auch gut dokumentiert.

Den letzten Schritt, den müssen die Teilnehmer also dann zu Hause machen. Denn wer braucht schon fünfzehnmal die Feinstaubsensordaten aus einer im Umbau befindlichen Kongresshalle in Hamburg.

Autor:

 

Links:
Projektseite mit Einkaufsliste und Detailinformationen: www.luftdaten.info
Karte der Luftdatensensoren: http://deutschland.maps.luftdaten.info/

 

33c3 works4us Installation
Works for Me – Das Motto des 33c3 – Caos Communication Congress in Hamburg 2016

 

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