TheNet: #32c3 – Jahrestreffen für Nerds, Geeks & Freunde

Der Chaos Communication Congress findet seit einigen Jahren im Hamburger Congress Centrum – CCH im Dezember, zwischen den Jahren, statt. 2015 waren es rund 12.000 Besucher_innen. </strong><strong>Wer sich zum „Congress“ trifft? Freunde der „Elektronischen Kultur“, um es möglichst weit gefasst zu umschreiben.
Review von Iris Wessolowski

Der Congress ist Kommunikationsforum und Fachtagung, im weitesten Sinne rund um die Themen IT und Internet. Hier trifft User_in auf Programmierer_in, hier treffen Nerdies auf Geeks, System-Administratoren auf Softwareentwickler.
Professionelle Hacker und Nachwuchs-Hacker tauschen sich über den Stand der Sicherheit im Netz, über neuste Technologien und mögliche zukünftige Problemfelder aus. Viele Mitglieder aus Institutionen und Initiativen, die sich mit den Themen Daten, Datenschutz, Internetsicherheit, Freie Netze, Offenes Wissen, Vorratsdatenspeicherung, Anti-Überwachung und digitale Selbstbestimmtheit beschäftigen, sind vor Ort, um zu informieren und sich zu vernetzen. Die Berufe und Interessen der Teilnehmer sind vielfältig, so wie das Internet voller Themen und bunt ist. Philosophen und Aktivisten, Wissenschaftler, Künstler, Kommunikationsmenschen, Podcaster, kleine und große Forscher, Bastler, Netzwerker, Maker, Laser- und Diodenfans, Bällebader finden hier zusammen, um einen familiären, kommunikativen Jahresabschluss zu zelebrieren. Internationalität ist Programm.

#32c3 Congress Centrum Hamburg - CCH Aussenansicht 2016
#32c3 Congress Centrum Hamburg – CCH Aussenansicht 2016 – cc by nc nd – @iwess1

Ist man vor Ort, ist es, als trete man aus dem Wald hinter Alices Wunderland auf die Wiese hinaus und alles ist irgendwie vertraut aber auch anders. Es ist eine sehr große, liebevoll gestaltete Spielwiese, die sich nach kurzem Fremdeln, ob der vielen unbekannten Menschen, wie ein gemütliches Wohnzimmer anfühlt. Spätestens nach dem ersten Gespräch bei Mate/Kola ist es heimelig.

Das liegt zum einen an der gelebten Offenheit, Toleranz und Gesprächsbereitschaft der Teilnehmer selbst und auch an der aufwendigen Umgestaltung des Tagungsortes.

Aus gelben Plastikschläuchen erwächst jedes Jahr das riesige, das CCH durchziehende Rohrpostsystem, das mit Staubsaugern betrieben wird und Nachrichten oder kleinere Gegenstände im Gebäude verteilt. Der Gang in die große Hallen 3 führt durch eine  futuristische, tunnelartige Kulissen. Die einzelnen Assambleys des Chaos Computer Clubs haben aufwendig ihre Tische und Bereiche dekorieren. Hier stehen Maschinen, skulpturale Objekte in bunter LED-Beleuchtung und computergesteuerte Experimente aller Art. Im Makerspace werden Platinen gelötet, Logos auf Hoodies gestickt und Laptophüllen per Siebdruck verschönert. Der zweite Konferenztag ist auch „Junghackertag“. Da wird der computerorientierte Nachwuchs nebst Eltern „bespielt“ und unterrichtet.

Vor allem ist der Congress ein über vier Kongresstage aus sich und dem Enthusiasmus seiner Teilnehmern heraus wachsendes organisches System. Eines, das sich selbst kreiert und sich mit einem Freiwilligensystem – Angelsystem – auch selbst organisiert und hilft. So öffnet die altruistische Hilfsbereitschaft – das Volunteering trotz bezahlter knapp 100 Euro Eintritt – die Türen hinter die Kulissen der Veranstaltung und fördert auch den Gemeinschaftssinn.

Selbst organisieren, selbst mitgestalten ist das Credo, zum Beispiel als H erold-Angel beim Begrüßen der Vortragsredner, als VOC-Angel beim Live-Regie-Führen für den Livestream und die Video-Aufzeichnungen, als Live-Übersetzer oder Technik-Angel bei der Wlan-Bereitstellung, als Küchen-Angel, Kaffee-Angel, Einlass-Angel, Gaderoben-Angel, Kidsspace-Angel, Aufräum-Angel, Bar-Angel, Podcast-Angel, Party-Angel …  Gibt es etwas zu tun, dann bildet sich ein Angelteam. In diesem Jahr waren es, wie auf der Abschlussveranstaltung verkündet, mehr als 2000 Freiwillige und das ab dem ersten Tag.

Neben all diesen Community- und Unterhaltungshighlights übersteigt das kuratierte Vortragsprogramm die Aufnahmefähigkeit eines einzelnen Individuums bereits zu Beginn um ein Vielfaches. Ein umfangreiches Programm von circa 11 Uhr bis nach Mitternacht, auf verschiedenen inhaltlichen und technischen Niveaus, wird ergänzt durch Workshops und frei vor Ort, fliegend, organisierte Sessions, Talks und Fachgespächen. Es geht um Unsicherheiten in TAN-Verfahren, Internetzensur in Indien, Krypto War, Kernel Panic, Free Software und Hardware, Graphen, Drohnen, Mobile Telefone, Katastophen und Kommunikation, Netzpolitik, Überwachung, Robotik, Netzneutralität, Podcasting, Freifunk, geschlossene Gesellschaften – Gated Communities …

Die Infrastruktur des Congress ist technisch auf dem höchsten Niveau: Livestreams mit Fragemöglichkeiten via Chat oder Social Media, WLAN in fast jeder Ecke des riesigen CCH Gebäudes. Alle Vorträge des offiziellen Programms sind mittlerweile online https://media.ccc.de/b/congress/2015 abrufbar und nachschaubar: Unter anderem auch der 32c3_infrastructure_review .  Auch alle Vortragsfolien sind offen verfügbar, hier zum Beispiel noch einmal übersichtlich zusammengestellt von Michael Krell: 32c3-slides/

Im Nachgang laufen derzeit die Untertitelungen der Vortrags-Videos, auf freiwilliger Basis, versteht sich. Mithelfen kann im Prinzip jeder, selbst wenn es nur ein paar Übersetzungsminuten sind, hilft das dem Gesamtprojekt.
Wie es geht? Einfach in das Untertitelsystem-Wiki surfen, die Anleitung lesen, einen Talk aussuchen und los geht es:
https://subtitles.media.ccc.de/wiki/de:postprocessing:contribute

Sollte ich Vorträge empfehlen, dann wären es für Einsteiger diese aus den Themenbereichen: Technischer Jahresrückschau und -vorschau, Gesundheit und Verbraucherschutz, Netzpolitik.

Security Nightmares 0x10:
https://media.ccc.de/v/32c3-7546-security_nightmares_0x10
Eine alljährlich wiederkehrende Veranstaltung, die 10 Jahre zurückschaut und den Realitätsabgleich mit dem Heute in Sachen Computer, Internet, Sicherheit und ‚Was die Menschheit braucht vs. nicht braucht‘ herstellt. Unterhaltsam und mit viel Ironie wird auf die größten ‚IT-Katastrophen‘ des vergangenen Jahres zurückgeblickt und zum Ende eine Prognose für die Zukunft abgegeben. Auf das diese in zehn Jahren überprüft werden kann.

Un-Patchable:
https://media.ccc.de/v/32c3-7273-unpatchable
Ein Vortrag, der am persönlichen Beispiel der Referentin Marie Moe, die einen Herzschrittmacher trägt, die Gefahr der Schnittstelle Medizintechnik -Computer-Internet verdeutlicht und mich betroffen machte. Ein Thema, das uns aus Verbrauchersicht dringendst beschäftigen muss und darum auf meinem Rechercheplan 2016 ist.

Safe-Habour:
https://media.ccc.de/v/32c3-7513-safe_harbor
Der Österreicher Max Schrems erläutert, wie er Facebook verklagte und für uns alle, indem er die Rechtmäßigkeit des Save-Harbour Abkommens anzweifelte, mehr europäischen Datenschutz gewann. Beeindruckende Zivilcourage!

#NSAUA
Der NSA Untersuchungsausschuss – ein Thema, das mich auch journalistisch begleitet. In zwei Vorträgen und einem Podcast wird die Arbeit des 1. Untersuchungsauschusses im Bundestages zur NSA/BND Affäre und den Snowden-Dokumenten  erläutert, werden Zusammenhänge und Abhängigkeiten aufgezeigt.

https://media.ccc.de/v/32c3-7228-nsa-untersuchungsausschuss_zwischen_aufklarungswillen_und_mauern_aus_schweigen“ target=“_blank
Anna Bisel berichtet aus den Ausschusssitzungen. Sie führt derzeit mit Andre Meister das Protokoll auf netzpolitik.org

https://media.ccc.de/v/32c3-7225-grundrechte_gelten_nicht_im_weltall
</a>Ein persönliches Highlight, die Lesungen aus den Protokollen der Anhörungen im 1. Untersuchungsausschuss von http://www.netzpolitik.org . Wer die Dialoge und Monologe nicht selbst im Bundestag in den öffentlichen Anhörungen mit erlebt hat, meint in einer Inszenierung, einer überspitzten dramaturgischen Aufarbeitung zu sitzen. Leider ist dem nicht so.
Der Podcast Technische Aufklärung, der die jeweilige Ausschusssitzung kurz zusammenfasst, mit Experten die Zeugenaussagen einordnet und von den Politikern und Ausschussmitgliedern Statements einsammelt, um diese dann zeitnah, meist am Folgetag zu Verfügung stellen.
Unbedingt supporten, da die Macher dies kostenfrei und über direkte Spenden, also community-finanziert, zur Verfügung zu stellen.

** Übrigens mögen *c3 Menschen nicht so gerne fotografiert werden, deshalb gibt es nur wenige Fotos mit wenigen Gesichtern.

letzte Überarbeitung 29.Januar 2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s